Barfußgehen als Zugpflaster

Die Lederhose sitzt, das grün-weißkarierte Trachtenhemd ist an beiden Ärmeln locker nach oben gekrempelt, die langen grauen Haare sind zu einem Zopf im Nacken zusammengebunden. Toni Fenkl – ein waschechter Bayer – steht in seinem Alltags-Outfit vor uns. Was fehlt, sind die Haferlschuhe, denn meistens ist er „unten ohne“ unterwegs.

Wenn überhaupt zieht er seine Kneippsandalen vom hiesigen Schuster an. Einer der wenigen, die dieses Handwerk überhaupt noch beherrschen. Jeder Schuh wird dabei individuell an die Füße angepasst. Denn wie einst Kneipp schon wusste, sind Schuhe eigentlich nichts anderes als „Füßeverkrümmungsmaschinen“.

Als selbsternannter Barfuß-Indianer führt Toni Neugierige auf dem 1,5 kilometerlangen Barfußweg durch den Kurpark von Bad Wörishofen. Witz und Wissenswertes kommen dabei nicht zu kurz. Gleich zu Beginn tauchen die Arme tief in das Kneippbecken am Startpunkt ein, wo wir unsere Schuhe buchstäblich „wegsperren“. „Das ist der Espresso des Kneippianers. Einfach zum Mittagstief ein kurzes Armbad und der Kopf ist wieder frisch“, erklärt der Gesundheitspädagoge, selbst bis zu den Ellbogen im eiskalten Wasser. „Solange bis der Kälteschmerz kommt. Dann kurz abtrocknen. Das ist wichtig.“ Der Körper hat sechsmal mehr Kälterezeptoren als Wärmerezeptoren. Deshalb ist die Kneipptherapie auch so wirkungsvoll. „Jeder Kältereiz wirkt leberentgiftend“, so Toni, der zusammen mit seiner Frau um die Welt reist und Unternehmen in Sachen Gesundheit berät.

Nach einem kurzen Stück auf weichem Gras kommen wir auf den ersten Wegabschnitt im Wald. Über verschiedene Zapfen, die sich sanft in die Fußsohlen drücken, geht es weiter Richtung Rosengarten. Natürlich nicht ohne vorher durch die Lehmstation zu waten. Lehm ist allgemein ein gutes Hausmittelchen. Hilft der Quarkwickel nicht mehr weiter, wirkt Lehm kühlend auf Schwellugen oder bei Entzündungen wie etwa im Knie. „Am Anfang jeder Abhärtung steht das Barfußgehen – das funktioniert wie ein Zugpflaster und zieht die Giftstoffe“, erklärt der Experte.

Und so marschieren wir weiter über piksende Steinchen und durch kleine Flüsschen – wo wir von der Energie des abfließenden und zufließenden Wassers erfahren – bis wir zur Härteprobe des Weges kommen: Die Barfuß-Schnecke. Über große, glatte Steine arbeiten wir uns von außen nach innen vor, bis wir über Sand, Rindenmulch & Co. auf immer kantigeres Terrain kommen. Während wir wie die Störche von einem Schritt zum nächsten staksen, laufen andere hier wie auf Watte. Routinierte Bad Wörishofener Barfußgeher – wie wir dann erfahren. Denn auch das Barfußgehen ist Übungssache. Am Ende schaffen wir es alle bis in die Mitte der Schnecke und sind mächtig stolz auf uns. Aber auch ganz schön geschafft. „Die Füße bleiben jetzt den ganzen Tag warm – noch abends im Bett werdet ihr das spüren und heute richtig gut schlafen“, prophezeit Toni. Denn das beste gegen kalte Füße ist barfußgehen. Selbst im Winter.

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