Vom Liebreiz der Ebene

Wanderung von Katzbrui nach Bad Wörishofen

Ein liebenswert-schöner Abschnitt der Wandertrilogie führt von der Katzbrui-Mühle nach Bad Wörishofen – mitten durch eine Charakterlandschaft des Allgäus …

Wandertrilogie Allgäu – 3. Etappe

Die Zeit der „Gespenster“ ist vorbei. Einst trocknete das Heu in kunstvoll aufgerichteten, senkrecht Stapeln auf den Feldern. Die sahen aus wie Menschen in Umhängen, und im Herbst waren die Felder voll mit diesen „Gespenstern“. Es war keine leichte Arbeit, das Heu so aufzustellen. Heute liegen stattdessen große, runde Ballen da, in weiße Folie gewickelt. Ein Traktorfahrer steuert sein Fahrzeug über die Wiese, das
Heu wird von einer angehängten Maschine aufgenommen, zusammengepresst, dann legt die Maschine einen großen Ballen ab. Ein Riesen-Ei.

Der Zauber einer Kulturlandschaft

Im Allgäu weiß sicherlich jeder, wie die Dinger auf die Felder kommen. Für uns Städter war es ein echter Aha-Moment, neues Party-Wissen, das wir schon bei nächster Gelegenheit erzählen: Dann werden wir auch von diesem Weg der Wandertrilogie berichten. Wie wir als „Wiesengänger“ den Liebreiz der Ebene entdeckten, das Nebeneinander von Weg und Wald. Und den Zauber einer Kulturlandschaft. Dass wir dabei erfuhren, wie die Gespenster von den Feldern verschwunden sind, ist nur ein Nebeneffekt. Wie die Erkenntnis, dass ihre weißen Nachfolger selbst von einem kräftigen Kerl um keinen Millimeter bewegt werden können. Der Mann im Traktor lacht sich eins.

Unser Wanderweg nach Bad Wörishofen besteht aus Teilen des Schwäbisch-Allgäuer-Fernwanderweges und des Kneipp-Weges. Ausgangspunkt ist Katzbrui. Das liest sich so harmlos. Aber versuchen Sie es mal auszusprechen: ein kurzes Katz, eher wie Kazz, an das sich ein weiches brui anschließt, eher wie brühh. Einem Nicht-Allgäuer fällt es gar nicht so leicht. Die Katzbrui-Mühle lässt sich bis ins 17. Jahrhundert zurück datieren. Wir stärken uns im Wirtshaus mit einem deftigen Essen.

Mit jungfräulicher Unterstützung

Dazu gibt es ein Bier aus der hauseigenen Ein-Mann-Brauerei. Die Mühlenwirte sind stolz auf ihr Tun. Sie brauen und backen, sie räuchern und lassen sich nicht gern anstänkern. Auf der Karte heißt es: „Sagen Sie es frei heraus, wenn Ihnen etwas nicht gefällt. Wir tun es auch.“ Doch es muss gar nicht zum Wortgefecht kommen, das Essen schmeckt. Kauend beugen wir uns über die Wanderkarte. Die Kellnerin stellt sich zu uns:
Ach, nach Wörishofen wollt’s? „Einfach links heraus dem Weg folgen – in den Wald hinein. Es sind aber 16 Kilometer.“

Es geht durch einen herbstlich kühlen Mischwald. Die Rinnsale der Katzbrui-Quelle machen den dunklen Boden schwer, die Luft schmeckt kühl. Wir passieren eine Maria-Statue in einer Grotte. Frische Blumen zu ihren Füßen, um den Kopf trägt sie einen batteriebeleuchteten Heiligenschein. Darunter das „Gebet von Maria Einsiedeln“: „Alles möchte ich dir erzählen, alle Sorgen, die mich quälen, alle Zweifel, alle Fragen …“ Die
Frage nach der Sinnsuche des Menschen begleitet uns in der nächsten Stunde – und fast prophetisch endet der Wald, das Licht wird heller, vor uns weitet sich das Allgäu.

Immer wieder mäandert unser Weg zwischen Wald- und Feldrain. Erst Hochsitze, später erste Schuppen. Plötzlich eine Landschaftsform, die uns vertraut scheint. Das ist doch, genau, ein Deich! Im Allgäu? Wir lesen, dass er die Kraft der Mindel zähme. Der vermeintlich unscheinbare Bach trat beim Jahrhunderthochwasser 2002 über die Ufer, es wurde Katastrophenalarm ausgelöst. Und dann geht es leicht hügelan in den wundervollen Wald von Bad Wörishofen. Ein weiter Mischwald, der für uns die Einsamkeit des Wiesengänger-Daseins beendet. Waren wir höchstens einigen Bauern begegnet, und ein paar Kühen, kommen uns nun Spaziergänger und Jogger entgegen. Und sogar zwei Wanderer – mit Ziel Ottobeuren.

Im Wald von Bad Wörishofen

Nach etwa dreieinhalb Stunden Gehzeit stehen wir im Park von Bad Wörishofen. Der ist ein besonderer Schatz mit seinen Kräuter- und Rosengärten, seinen künstlich angelegten Teichen und dem großartigen Barfußpfad. Wir ziehen an einer Kneipp-Anlage Schuhe und
Strümpfe aus und tauchen die Füße ins eisige Wasser. Es scheint fast ein wenig zu zischen. Dann schlendern wir durch den Ort. Schön, wie schnell sich der Modus ändert, wie man vom Wiesengänger zum Flaneur wird.

Nach der Ruhe der Landschaft wirkt Bad Wörishofen fast wuselig. Wir streifen durch den Ort, essen ein Eis, kaufen etwas Obst – die leckersten Muskateller-Weintrauben der Welt! – und sitzen abends, frisch geduscht und ganz lebendig, in einem Restaurant. Ein leckeres Getränk, die Backen voll. So, sag an: Was war der schönste Moment dieses Wandertages …

Service: Eine detaillierte Beschreibung der Etappe mit Karte – nur in umgekehrter Richtung – finden Sie hier.

Text: Dirk Lehmann, Fotos: Susanne Baade

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