Waldbaden

Im Allgäuer Kurort Bad Wörishofen ist der Naturheilkundler Sebastian Kneipp allgegenwärtig. Sogar im Wald trifft man auf den „Wasserpfarrer“. Auf dem zwölf Kilometer langen Kneipp-Waldweg können Wanderer die fünf Elemente seiner Lehre an 40 Stationen kennenlernen. Wald-Gesundheitstrainerin Stefanie Hemberger begleitet regelmäßig Menschen auf ihrem Weg durch den Wald – und bringt ihnen den besonderen Lebensraum und die Philosophie Kneipps näher.

Sonnenstrahlen scheinen durch die Wipfel der Bäume. Am frühen Morgen hat es geregnet. An den Ästen und Grashalmen glitzern Wassertropfen. Vögel zwitschern laut, ein Kuckuck ruft. Jeder an einen Baumstamm gelehnt, sitzen die Wanderer auf dem Laub am Boden und lauschen den Geräuschen des Waldes. „Es geht darum, nur hier zu sitzen und zu hören, zu riechen und wahrzunehmen“, erklärt Wald-Gesundheitstherapeutin Stefanie Hemberger. Um die Gruppe herum fallen Wassertropfen aus den Baumkronen und zaubern eine besondere Melodie. Ein Eichhörnchen durchsucht das Laub nach etwas Essbarem – es raschelt.

Regelmäßig leitet Steffi bei ihren Touren über den zwölf Kilometer langen Kneipp-Waldweg ihre Teilnehmer an, zu sich selbst zu finden und zur Ruhe zu kommen – ganz nach Kneipps Ordnungstherapie. Ausgangspunkt für den Kneipp-Waldweg ist der Parkplatz des Trimm-Dich-Pfades an der Schöneschacher Straße. Von hier aus geht es kreuz und quer durch den Bad Wörishofener Wald.

 

Zahlreiche Studien bestätigen die positive Wirkung des Waldes

Schon Pfarrer Sebastian Kneipp wusste um die wohltuende Wirkung des Waldes und empfahl viel Bewegung an der frischen Luft und unter Bäumen. „Es gibt sehr viele Studien zum Thema Wald und Gesundheit. Er hat einen entschleunigenden und blutdrucksenkenden Effekt“, erklärt uns Stefanie, während die Gruppe weiter auf dem Weg spaziert. „Die Duftstoffe, die die Bäume zur Kommunikation nutzen, stimulieren unseren Vagusnerv, der auch Selbstheilungsnerv genannt wird. Er steuert unter anderem den Blutdruck, die Verdauung und die Herzfrequenz. Wenn wir ihn stimulieren, tun wir schon ganz viel für unsere Gesundheit.“

Also atmen alle bewusst tief ein, während sie über ebene Forstwege wandern und die Schönheit des Waldes bewundern. Hölzerne Schilder mit einem Porträt von Sebastian Kneipp weisen ihnen den Weg, und die Infotafeln am Wegesrand. „Auf mehr als 40 Tafeln steht Wissenswertes zu Bäumen, Pflanzen, Tieren, Entspannungsmethoden oder Bewegungseinheiten“, so Steffi. Alles Aspekte der Kneippschen Lehre. Die Stationen sind auf dem gesamten Gebiet des Bad Wörishofener Walds verteilt: Im Osten geht es vor allem um die einfache und naturbelassene Ernährung, die Kneipp empfiehlt. Im Süden und rund um den Ort Harthenthal animieren die Stationen zum Durchatmen, Sich-Ordnen und Besinnen.

Im Westen steht der Wald an sich im Vordergrund, unter anderem mit einem Klangbaum und einem Rohr, das die Waldgeräusche lauter wirken lässt, und vielen Tafeln mit Erklärungen zu einzelnen Baumarten. Und im Norden befinden sich die Stationen rund um die Bewegung.

Berühmtheit erlangte Kneipp vor allem durch seine Wasseranwendungen. Und genau die probieren Barbara in ihrer roten Regenjacke und Celina in ihrer gelben an der nächsten Station aus. Nahe der Kurlinien-Bushaltestelle Jagdhäusle befindet sich ein Bachlauf, der, dank ein paar Stufen und einem Geländer, perfekt geeignet ist, um müde Wanderfüße zu erfrischen. Allerdings erfordert der erste Schritt in den eiskalten Bach Mut. Kaum umspielt das Wasser ihre nackten Füße, wollen die beiden am liebsten kneifen. Doch sie überwinden sich und steigen weiter hinein. Im Storchenschritt waten sie nun durch den Bach. Nach wenigen Sekunden sind ihre Waden rot, gut durchblutet. „Dreimal gibt es auf dem Waldweg die Möglichkeit, Wassergüsse zu machen“, erzählt Steffi. „Aber diese Stelle hier ist die einzig natürliche. Deshalb mag ich sie besonders gerne.“ Wieder raus aus dem Bach streichen Barbara und Celina ihre Beine nur kurz ab und schlüpfen wieder in Socken und Schuhe. Wie das Gefühl jetzt so ist? „Meine Füße bitzeln ein bisschen“, so Celina. „Sie werden schön warm gerade, hätte ich ja nicht gedacht nach dem kalten Wasser.“

 

Aus einigen Pflanzen am Wegesrand kocht Steffi gerne Tee

Stefanie weiß als Wald-Gesundheitstrainerin auch jede Menge über die Wildkräuter und essbaren Pflanzen, die hier an Sträuchern und auf dem Boden wachsen. Immer wieder zeigt sie ihren Gästen unterwegs Blüten oder Blätter, die heilende Wirkungen haben. Zum Beispiel der Wegerich, dessen zerriebene Blätter Insektenstiche lindern können. Oder Holunder, der gerade in weißen großen Dolden blüht. „Viele kennen die Blüten ja in Form von Sirup oder als Küchlein. Man kann sie aber auch einfach roh essen, frisch gepflückt.“ An einem Busch zupft sich jeder eine Dolde ab und nascht die Blüten. Sie schmecken süßlich und frisch. Der perfekte gesunde Snack am Wegesrand.

Auf einer Lichtung mitten im Wald macht die Gruppe eine kurze Rast. Stefanie bereitet einen Tee zu. Auf einem Baumstumpf richtet sie den Tee an: Ein paar Tassen, die Tannenspitzen hinein und mit heißem Wasser übergießen, fertig. Sofort beginnt der Tee herrlich nach Wald, Harz und Tanne zu duften. Noch etwas skeptisch probieren die Wanderer ihn und sind überrascht, wie gut er schmeckt. „Manchmal reichen eben auch schon die einfachen Dinge im Leben“, so die Waldtherapeutin. Wie Recht sie hat!

Nach etwa drei Stunden erreicht die Gruppe wieder den Parkplatz am Trimm-Dich-Pfad. Wer nicht den ganzen Weg gehen möchte, kann unterwegs auch ein paar mal abkürzen und auch für Radfahrer ist der Weg ideal. Und wer noch nicht genug vom Kneippen hat, kann am Bodendenkmal Versunkenes Schloss, mitten in der Stille des Waldes, aber nur ein paar Meter vom Parkplatz entfernt, seine Füße und Arme in zwei Kneippbecken erfrischen und im Anschluss auf einer Bank die Atmosphäre im Wald genießen. Dem Zwitschern der Vögel zuhören, das Glitzern der Wassertropfen auf den Gräsern und die Sonnenstrahlen beobachten, wie sie kommen und gehen.

Tipp: Wer unterwegs einkehren möchte, kann einen Stopp im Gasthaus Hartenthaler Hof im gleichnamigen Ort einlegen. Mit einer weiten Aussicht über Felder und den Wald können Gäste hier Allgäuer Spezialitäten genießen, zum Beispiel Krautkrapfen oder Kässpätzle.

 

Fotocredits: Thomas Linkel

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